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Wir (alle) sind das Volk
Kunstaktion im Stadtraum Goslar

9. Oktober 2021 30. Januar 2022

Wir (alle) sind das Volk steht in verschiedenen Sprachen in schwarzer Schrift auf weißem Grund auf einer Plane. Ein Regenbogenverlauf rahmt das Textfeld ein. Die Text-Farb-Kombination erschien 2017 während der documenta 14 in Kassel und Athen erstmals auf unzähligen Plakaten im öffentlichen Raum. Eine Autorschaft ist dabei nicht erkennbar. Auch der Charakter eines Kunst­werks ist zunächst nicht ersichtlich. Vielmehr scheinen Text und Farben in Anlehnung an politische Wahl- oder Werbeplakate ein Plädoyer für Gleichheit und Toleranz zu bilden.

Dass die Arbeit durchaus vielschichtiger ist, ist charakteristisch für das Œuvre Haackes. Der Künstler bedient sich immer wieder der Symbolsprache der kommerziellen Werbung, geht dabei aber stets kritisch auf den aktuellen räumlichen und zeitlichen Kontext seiner Werke ein. So basierte die Arbeit in Kassel und Athen auf einem Wettbewerbsentwurf, den Haacke 2003 für den Hof der Nikolaikirche in Leipzig – Ausgangspunkt der Montagsdemonstratio­nen von 1989 – konzipiert hatte. Damals skandierten die Demonstranten »Wir sind das Volk«. Haackes Entwurf wurde jedoch nicht realisiert. So griff er die Idee später wieder auf und setzte sich in dem neuen Werk nicht nur mit der turbulenten Zeit der deutschen Geschichte auseinander, sondern auch mit aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen.

Die Wahl der Sprachen auf Haackes Plakaten spiegelt prozentual den Anteil an Migrant_innen und Geflüchteten am jeweiligen Ausstellungsort wieder. Die Arbeit spielt vor diesem Hintergrund mit den ambivalenten Bedeutungsebenen, die mit dem Ausspruch »Wir sind ein Volk« verbunden sind. Zunächst prägend für die Zeit der Wiedervereinigung, ist er in den vergangenen Jahren auch zunehmend zum Ausdruck rassistischer Gesinnung geworden. So warnte Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Ansprache 2016 davor, den Satz »nicht von Rechtsextremen vereinnahmen zu lassen«. Haacke offenbart mit seinem Projekt die (damals wie heute) aktuellen Debatten zur Flüchtlingspolitik und den steigenden Rassismus in Deutsch­land. Gleichzeitig bleiben zentrale Fragen offen: Wer sind »wir«, wer »alle«?

Seit der documenta 14 ist die ortsspezifische Arbeit inzwischen an vielen Stellen weitergeführt worden, unter anderem in München, Leipzig und Berlin, sowie in Chemnitz, wo sie als Reaktion auf die rechtsextremen Ausschreitun­gen 2018 von trauriger Relevanz war. Auch in Brüssel, Bratislava, Como, Graz, Kopenhagen, Madrid, New York, Ramallah (Palästina) und Zürich fanden sich bereits Banner und/oder Plakate mit ortsspezifisch ausgewählten Sprachen. Parallel zur Kaiserringausstellung ist sie auch in Goslar an verschiedenen Stellen in der Stadt zu sehen.

Bilder

Fotos: Veronika Mehlhart