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Exhibition, 02. July — 20. September 2015 

(Deutsch) Tsibi Geva – Gemälde 2010-2015

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Das Mönchehaus Museum Goslar ist glücklich, als erstes Kunstinstitut in Deutschland, Werke von Tsibi Geva, geboren 1951 im Kibbuz Ein Shemer, in einer Einzelausstellung zeigen zu können. Umso mehr, als dieser Ausnahmekünstler in diesem Jahr sein Land Israel auf der Biennale in Venedig repräsentiert. Verbindungen zwischen Israel und Goslar hat es auch früher schon gegeben, so als im Jahre 1996 der israelische Künstler Dani Karavan, geboren 1930 in Tel Aviv, mit dem Goslarer Kaiserring ausgezeichnet wurde. Obwohl die beiden Künstler verschiedenen Generationen angehören und in unterschiedlichen Medien arbeiten – Karavan ist Bildhauer, Geva in erster Linie Maler – ist ihr Werk doch innig mit der Geschichte ihres Landes verbunden. Insofern sind sie beide auch politische Künstler.

Die Goslarer Ausstellung zeigt Malerei des Künstlers, im Wesentlichen aus den letzten fünf Jahren, wobei die umfangreiche Werkserie der „Birds“ (Vögel) sehr viel weiter in die Vergangenheit zurück reicht – ihr Beginn zeigt sich bereits in den 1980er Jahren – und dadurch zweierlei deutlich macht: Nicht nur liebt Tsibi Geva es, in Serien zu arbeiten, was seiner Malerei eine konzeptuelle Qualität verleiht, sondern diese Serien bleiben zugleich zeitlich offen. Sie sind für den Künstler ein im Prinzip unabgeschlossenes Unternehmen. Auch die Bildserie der „Birds“ scheint nicht zu Ende geführt; das vorläufig letzte Gemälde stammt aus diesem Jahr. Damit erhält Tsibi Geva sich die Möglichkeit, ein und demselben Motiv im Lauf der Zeit immer neue, unterschiedliche und zum Teil auch widersprüchliche Sichtweisen und Sinndimensionen abzugewinnen.

Die Vögel treten in Gevas Werk eher als Archetypus denn als wieder erkennbare Gattung ins Bild. Sie sind in keiner Weise naturalistisch gemalt, sondern eher als Ideogramm ausgeführt, als eine bestimmte Idee vom Vogel. Ihre Physiognomien sind mehr oder weniger auf eine kräftig ausgeführte Konturmalerei reduziert und auf die Nichtfarben Schwarz und Weiß. Alle Vögel zeigen sich ausschließlich im Profil, unbewegt und statisch auf Zweigen oder irgendwelchen Mauervorsprüngen hockend. Vögel im Flug – denken wir nur an die Friedenstaube von Picasso – als klassische Symbole von Freiheit und Aufschwung, kommen im Werk von Tsibi Geva nicht vor. Vielmehr erinnert man sich bei ihrem Anblick an den berühmten Unglücksraben von Edgar Allen Poe mit seiner existenziellen Vergeblichkeitsbotschaft des “Nevermore“ (Nimmermehr), das alle Hoffnungen des Erzählers zunichte macht.

Hinter diesem Subtext von Tsibi Gevas Malerei verbirgt sich in subtiler Weise ein politischer Kommentar. Der Vogel im Werk des Künstlers ist weit mehr als ein unschuldiges und harmloses Naturmotiv – und ein romantisches Symbol ist er schon gar nicht. Ebenso wenig wie andere Motive, die in seiner Malerei wiederholt und in Serie auftreten, die „Flowers“ (Blumen) und „Thorns“ (Dornen), die „Mountains“ (Berge) und „Landscapes“ (Landschaften). Oder auch das um den Kopf und Hals geschlungene Palästinensertuch Kufiya, der von Arabern hergestellte Terrazzoboden in den Häusern der Israelis, die vergitterten Fenster darin oder Gevas mit aggressiver Verzweiflung sich liebenden Paare.

Sie alle fungieren in seinem Werk als Symbole. Natürlich kann man sie überzeitlich verstehen als Ausdruck einer dystopischen Weltsicht, aber sie verraten uns auch etwas über den Stand der politischen Beziehungen zwischen Israel und Palästina. Selbst wenn sich in den Motiven Verschiebungen zeigen – so wechselt das Federkleid der Vögel von dunklem Schwarz vor hellem Grund zu leuchtenden Weiß vor schwarzem Grund – bleiben die Bilder Tsibi Gevas auf Moll gestimmt, genauso wie die scheinbar in einer ausweglosen Sackgasse sich befindliche politische Situation zwischen den beiden Völkern. In der furiosen neoexpressiven, mit wütenden Pinselhieben agierenden Malerei des Künstlers, die zwischen abstrakter Auflösung und gegenständlicher Anspielung hin und her wechselt, scheint sich die Frustration des Künstlers vor dem gesellschaftlichen status quo zu zeigen. Ihn hat Tsibi Geva seit seiner Geburt im Grunde als unverändert erlebt, als einen Zustand voller Unsicherheit und fortdauernder Existenzängste.

Diese Befindlichkeit macht auch deutlich, wie unterschiedlich fokussiert und engagiert die beiden Künstlergenerationen, die von Dani Karavan und die von Tsibi Geva, in politischer Hinsicht sind. Während der Blick der vor und im Zweiten Weltkrieg geborenen Juden immer wieder zurück in die Vergangenheit geht, um sich mit dem unfassbaren Grauen des Holocaust auseinander zu setzen, widmet sich die Generation der nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen israelischen Künstler in ihren Werken verstärkt den gesellschaftlichen Problemen der Gegenwart.

Gastkurator der Goslarer Ausstellung ist der New Yorker Kunstkritiker und Kunsthistoriker Barry Schwabsky, der auch den Auftritt von Tsibi Geva im American University Museum In Washington vor zwei Jahren kuratorisch begleitet hat.

Michael Stoeber